Eine fantastische Frau

Eine fantastische Frau (Una mujer fantastica)

Mo, 13. — Sa, 18.11.2017 | 17:30 Uhr bzw. Sa 15:00 Uhr | City-Kino

Chile, Deutschland, Spanien, USA 2017; Regie: Sebastian Lelio; Drehbuch: Sebastian Lelio, Gonzalo Maza; Kamera: Benjamin Echazarreta; Schnitt: Soledad Salfate; Musik: Matthew Herbert; Darsteller: Daniele Vega, Francisco Reyes, Luis Gnecco, Aline Küppenheim, Nicolas Saavedra, Amparo Noguera, Trinidad Gonzalez; Länge: 104 Min.; OmdtU

Trailer:


Inhalt:


Die Kellnerin und Sängerin Marina und der 20 Jahre ältere Orlando lieben einander und planen eine gemeinsame Zukunft. Als er plötzlich stirbt, stellt sich seine Familie, die er für Marina verlassen hat, gegen sie, selbst vom Begräbnis soll sie ausgeschlossen werden. Denn Marina ist eine Transgender-Frau. So wie sie bisher dafür gekämpft hat, tatsächlich als Frau leben zu dürfen, muss sie nun für ihr Recht auf Trauer kämpfen.


Der Regisseur:


Sebastian Lelio wird 1974 in Mendoza, Argentinien, geboren, wächst aber in Chile auf. Nach dem Studium an der chilenischen Filmhochschule dreht er zunächst Kurz- und Dokumentarfilme, ehe er im Jahr 2006 mit dem Familiendrama ‚La Sagrada Familia‘ sein Spielfilm-Debüt vorlegt. Nach zwei weiteren Filmen wird er im Rahmen eines Künstler-Austauschprogrammes des DAAD (Deutscher Akademiker Austauschdienst) nach Berlin eingeladen. Er verbringt ein halbes Jahr in Deutschland, arbeitet hier an der Montage seines vierten, gerade abgedrehten Spielfilms ‚Gloria‘, der ihm den internationalen Durchbruch beschert. Im folgenden Jahr erhält die Hauptdarstellerin Paulina Garcia für ihre Darstellung einer Frau Mitte Fünfzig, die nach ihrer Scheidung ein neues Leben beginnen möchte, den Silbernen Bären der Berlinale. Der Wahlberliner Lelio eröffnet 2013 in Kreuzberg das lateinamerikanische Restaurant GLORIA.
Den Höhepunkt seiner bisherigen Karriere erlebt der chilenisch-argentinische Regisseur im Februar 2018, als sein Film ‚Eine fantastische Frau‘ mit dem Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film ausgezeichnet wird.


Hintergrund:


Die Hauptdarstellerin Daniele Vega ist auch im wirklichen Leben eine Transgender-Frau, als erste bekennende Transgender-Person in der Geschichte der Oscar-Shows moderierte sie bei den Academy Awards 2018 einen Beitrag an.
Für Sebastián Lelio ist Marina Vidal sowohl ein eigenständiger Charakter als auch ein Symbol. „Ich denke, dass wir in sehr polarisierten Zeiten leben, weil wir als menschliche Gesellschaft wirklich an die Grenzen dessen stoßen, was wir weiterhin erlauben wollen und was nicht. Alle derzeitigen Konflikte siedeln sich in diesem Feld an: die Grenze der Empathie, die Grenze der Liebe, die Grenze der Loyalität. Möchte ich weiterhin loyal zu solchen Dingen sein wie meiner Nation, meinem Geschlecht?“

(Carolin Weidner, Spiegel online)


Kritikerstimmen:


Lelios Blick ist frei von allen Vorurteilen und moralischen Dogmen. Es geht nicht darum, zu vergessen, dass Marina einmal Daniel hieß und im Körper eines Mannes geboren wurde. Das ist Vergangenheit. Nun lebt sie als Frau, und nur das sollte für die Menschen um sie herum von Bedeutung sein. Aber ihre Realität sieht ganz anders aus. Die Blicke des Arztes im Krankenhaus und das kalte Beharren des von der Klinik gerufenen Polizisten, der darauf besteht, Marina Daniel zu nennen, sind nur ein erster Vorgeschmack auf alles, was sie noch erwartet.

(Sascha Westphal, epd Film)

Sebastián Lelios »Eine fantastische Frau« ist ein Film der Blicke, und fast alle richten sich auf die von Daniela Vega gespielte Marina. Zunächst ist es der verliebte Orlando, der seine Augen nicht von ihr lassen kann. Als er sie an diesem schicksalhaften Abend in einer noblen Hotelbar abholt, in der Marina gerade ein kleines Konzert gegeben hat, liegt unendlich viel Sympathie und Liebe in den Blicken, die er ihr zuwirft. Für ihn ist sie »eine fantastische Frau«. Und diese Wahrnehmung fängt der in Argentinien geborene chilenische Filmemacher auf grandiose Weise ein.

(Sascha Westphal, epd-Film)

Die Herausforderungen, die Marina kämpferisch annimmt, sind in diesem Film so vielfältig wie erwartbar: respektlose Ärzte, eine aufdringliche Kommissarin, die Missbrauch vermutet, wo Liebe war; und nicht zuletzt ein auch physisch aggressiver Sohn, der mit der unkonventionellen väterlichen Beziehung in erster Linie die eigene Ehre beschmutzt sieht. Lelio scheut in keiner Hinsicht vor symbolkräftigen Bildern zurück: Der Gegenwind, der Marina entgegenbläst, entwickelt sich auf der Straße zu einem Sturm. Immer wieder taucht Orlandos Gesicht geisterhaft in der Menge auf, und einmal bringt sein Sohn die junge Frau mit einem Knebel buchstäblich zum Schweigen. Derart funktioniert die tatsächlich als fantastische Frau in Szene gesetzte Marina eher als ein Spiegel, in den alle anderen blicken (müssen). Für Schattierungen oder gar blinde Flecken bleibt dadurch jedoch kaum Platz. Eine fantastische Frau ist ein Film, dem seine Festivalerfolge bereits vorab eingeschrieben sind, weil er sich in erster Linie über sein Thema und seine starke Hauptfigur definiert und Lelio gleichzeitig das Risiko der Verstörung in Grenzen hält. Deshalb hat er mit Disobedience auch mittlerweile schon seinen nächsten Film vorgelegt, der die Liebesgeschichte zweier Frauen im jüdisch-orthoxen Milieu erzählt. Diesmal mit Rachel McAdams und Rachel Weisz aus Hollywood.

(Michael Pekler, Der Standard)


Filmografie:


2000: Smog (Kurzfilm)
2003: Carga vital (Kurzfilm)
2005: La sagrada familia
2009: Navidad
2011: El ano del tigre
2017: Eine fantastische Frau
2017: Disobedience