Filmring-Text
Inhalt
Sirât, benannt nach der Hängebrücke über der Hölle, die laut muslimischer Überlieferung Gläubige von Nichtgläubigen trennt (die einleitende Einblendung zitiert den Propheten Mohammed: „dünn wie ein Haar und scharf wie ein Schwert“), erzählt die Geschichte einer Wüstenreise mehrerer Rave-Besucher. In zwei riesigen, zu Wohnmobilen umgebauten Lastwagen müssen sie von Marokko nach Mauretanien reisen, gefolgt von einem spanischen Vater (Sergi López), der mit seinem Sohn nach seiner vermissten zwanzigjährigen Tochter sucht. Innerhalb eines rein erzählerischen Rahmens inszeniert Laxe eine Reise in den Süden, während die Welt am Rande des Dritten Weltkriegs steht. Dies wird durch die Radionachrichten, durch das Eintreffen der marokkanischen Armee, die den langen Rave zu Beginn des Films unterbricht, und im weiteren Verlauf der Handlung durch marschierende Militärkonvois, verlassene Schlachtfelder und Minenfelder belegt.
Zum Film
Ein Weg durch die Wüste
Was als Suche eines Vaters nach seiner verschwundenen Tochter beginnt, entwickelt sich in Sirât zu einer körperlichen und spirituellen Reise. Luis und sein Sohn Esteban schließen sich einer Gruppe von Ravern an, die durch die marokkanische Wüste zur nächsten Party unterwegs ist. Oliver Laxe erzählt dabei weniger über klassische Handlung als über Bewegung, Klang, Gemeinschaft, Verlust und die Frage, wie Menschen mit Situationen umgehen, die sich ihrer Kontrolle entziehen.
Der Titel verweist auf den Sirāt: In der islamischen Überlieferung bezeichnet er den schmalen Weg beziehungsweise die Brücke, die zum Paradies führt. Laxe nutzt dieses Bild als Leitmotiv für eine Reise, die immer stärker zu einer Grenzerfahrung wird.
Quellen: Polyfilm, ARD / ttt
Regie
Oliver Laxe
Oliver Laxe (geb. 1982 in Paris, Frankreich) ist Filmemacher und Schauspieler. Er studierte Film an der Universität Pompeu Fabra in Barcelona. Sein erster Spielfilm Todos vós sodes capitáns (2010) gewann den FIPRESCI-Preis in Cannes. Sein zweiter Spielfilm Mimosas (2016) wurde in Cannes mit dem Nespresso Grand Prix ausgezeichnet. Fire Will Come wurde in Galicien, der Heimat seiner Vorfahren, gedreht. Der Film wurde 2019 in der Reihe „Un Certain Regard“ der Filmfestspiele von Cannes gezeigt, wo er den Jurypreis gewann und im Wettbewerb des 34. Internationalen Filmfestivals von Mar del Plata lief.
Geboren
1982 in Paris
Studium
Universität Pompeu Fabra, Barcelona
Sirât
4. Langfilm
Hintergrund
Rave, Ritual und 16-mm-Film
Laxe hat erzählt, dass die Idee zu Sirât eng mit eigenen Rave-Erfahrungen verbunden ist. Teile des Drehbuchs entstanden aus Bildern, die ihm beim Tanzen kamen. Das erklärt, warum Musik im Film nicht nur Begleitung ist: Die elektronischen Tracks von Kangding Ray bestimmen Rhythmus, Körpergefühl und Wahrnehmung.
Gedreht wurde auf 16-mm-Film. In einem Interview mit MUBI beschreibt Laxe, dass ursprünglich 35 mm geplant war, das Budget und die schwierigen Bedingungen in der Wüste aber für 16 mm sprachen. Sandstürme drangen sogar in die Optik ein und machten einzelne Nachdrehs nötig. Viele Mitglieder der Raver-Gruppe sind keine klassischen Schauspieler*innen, sondern stammen selbst aus der reisenden Rave-Szene.
Quellen: ARD / ttt, MUBI – Interview mit Oliver Laxe
Oliver Laxe über den Film
Ein Ritual
„Dieser Film ist nicht nur ein Film, er ist ein Ritual. Er zwingt uns, nach innen zu schauen, was wir normalerweise nicht tun. Es gibt so viel Schmerz in uns und in der Welt, in der wir leben, dass wir uns ständig ablenken. Und es ist normal, dass wir nicht ständig mit dem Schmerz in Verbindung stehen können. Dieser Film zwingt uns also, nach innen zu schauen. Das ist brutal und heilsam zugleich. Es ist, als würde dich jemand schlagen. Der Meister schlägt dich mit dem Stock. Der Film bewegt etwas in uns, berührt etwas in uns. Und als Autor bin ich damit sehr zufrieden. (…)
Ich bin kein Raver, ich bin Künstler. Aber wir haben mit sehr angesehenen Crews zusammengearbeitet. Anfangs waren sie skeptisch. Das Fernsehen karikiert sie ja immer. Aber als sie meine Filme sahen, vertrauten sie uns. Wir organisierten einen echten Rave. Alle wussten, dass sie gefilmt wurden. Die Musik lief tagelang durch. Irgendwann hatte ich das Gefühl, genug Material zu haben.“
Oliver Laxe im Interview Magazine ↗
Pressestimmen
Stimmen zum Film
Die Furche
„Oliver Laxes Apokalypse setzt auf die Farbgebung des analogen Filmmaterials. Diese Endzeit ist aber auch durch und durch mystisch geprägt: Trotz der Versehrtheit der Protagonisten gerät die Gesellschaft in Trance, die sich in den Kinosaal überträgt, und das Aufbauen einer Wand aus Lautsprecherboxen mitten in der Wüste ist kein absurdes Handeln, sondern gerät zu einer geradezu religiösen Metapher.“
Otto Friedrich
Filmdienst
„Über seinen bloßen narrativen Rahmen hinaus lässt dieser Film in eine Erfahrung eintauchen, die von der Art ist, die man zurzeit gern ´immersiv´ nennt: sogartig, hineinziehend, unwiderstehlich. (…) Es ist darum eigentlich ein unbeschreiblicher Film. William Friedkins ´The Sorcerer´ trifft ´Zabriskie Point´ von Antonioni; die apokalyptische Verbrenner-Action aus ´Mad Max´ trifft das meditative Traumwandler-Kino des Thailänders Apichatpong Weerasethakul.“
Rüdiger Suchsland
Cineforum
„Für alle, die den Film noch nicht kennen, ist er eine Entdeckung, ja sogar ein Schock; für diejenigen, die bereits das abenteuerliche und kontemplative Kino von Oliver Laxe schätzen, hingegen eine Bestätigung. Im Mittelpunkt stehen Orte (wie der marokkanische Atlas, der Protagonist von ´Mimosas´), aber auch Themen wie Reisen, die innere Suche im physischen Raum und die spirituelle und symbolische Spannung, die mit einer natürlichen Neigung zu extremem, fast gnadenlos schonungslosem Realismus kollidiert.“
Roberto Monassero
Auszeichnungen
Festivalerfolge
- Cannes Filmfestival 2025: Preis der Jury
- Cannes Soundtrack Award 2025: Kangding Ray
- Chicago Filmfestival 2025: Bester Film
Filmografie
Oliver Laxe
- 2010Todos vós sodes capitáns
- 2016Mimosas
- 2019Fire Will Come (O que arde)
- 2025Sirât
Quellen & Weiterlesen
Verwendete Quellen